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Gelebte Nachhaltigkeit

Creditreform Unternehmermagazin

Creditreform Magazin, 10.12.2010


Viele reden darüber, aber nur jedes fünfte Unternehmen wirtschaftet bislang wirklich nachhaltig.

Typische Ursachen:
Unkenntnis und Fehleinschätzungen.

Der 28. April 2010 war für Siemens ein historischer Tag. Erstmals in der 163-jährigen Firmengeschichte besuchte ein US-Präsident ein Siemens-Werk: die Fertigungsstätte für Komponenten der Windenergieerzeugung in Fort Madison, Iowa. Hier informierte sich Barack Obama über „die grüne Technologierevolution“, wie Siemens-Chef Peter Löscher den neuesten Stand in Sachen Windenergie und anderen alternativen Energiequellen nennt. Schon jetzt entfällt mit rund 23 Milliarden Euro knapp ein Drittel des Konzernumsatzes auf grüne Produkte und Lösungen.

Zur Revolution zählt der Siemens-CEO aber auch die Konzernziele: So sollen die bei Kunden installierten Produkte und Systeme von nächsten Jahr an für CO2-Einsparungen in Höhe von 300 Millionen Tonnen jährlich sorgen, gemessen am Vergleichsjahr 2006. Gleichzeitig soll der Wasserverbrauch um 20 Prozent abnehmen.

Für Barbara Kux, die erste Frau im Siemensvorstand, sind derartige Ziele wichtig für Unternehmen, Mitarbeiter und Kunden. Zeigen sie doch, dass Siemens es mit der viel beschworenen Nachhaltigkeit tatsächlich ernst nehme. „Im Sinne zukünftiger Generationen, verantwortungsvoll zu handeln – wirtschaftlich, ökologisch und sozial“, so definiert Frau Kux diesen zunehmend inflationär gebrauchten Begriff.

„Ein Unternehmen benötigt einen umfassenden Orientierungsrahmen, schließlich hängt der Unternehmenserfolg heute nicht ausschließlich von materiellen Faktoren ab“, gibt ihr Dieter Weidemann, Präsident der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU), Recht. Und Gerhard Cromme, einst Vorsitzender der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex und heute Aufsichtsratchef bei Thyssen Krupp, vervollständigt: „Nur effiziente, profitable Unternehmen können auf Dauer die erforderlichen Mittel erwirtschaften, die Spielraum für die Erfüllung von wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Zielen schaffen.“
 

Aus Vorsatz wird Leitsatz

Klingt gut, doch wie sieht es in der Praxis aus? Immerhin werde die Steigerung von Energieeffizienz immer häufiger in Unternehmensleitlinien, Umwelt- und Nachhaltigkeitserklärungen genannt, freut sich Bundesumweltminister Norbert Röttgen. Was nachvollziehbar ist, denn die „DIN EN 16001“ beschreibt formell die Anforderungen an ein betriebliches Energiemanagementsystem (EnMS). Dieses macht den Energieverbrauch transparent, identifiziert den spezifischen Bedarf und zeigt Optimierungsmöglichkeiten auf.

Die EnMS-Vorgaben sind von der Umweltmanagementnorm „ISO 14001“ abgeleitet. Für die Nachhaltigkeitsberichte von Organisationen und Unternehmen gelten die Richtlinien der Global Reporting Initiative (GRI), die mit UN-Beteiligung entstanden. Für Raoul Hille, Geschäftsführer des Hannover Airport, sind solche Regelungen wichtig, denn das Thema Umwelt – von der reinen Bearbeitung klassischer Umweltthemen hin zu einem strategisch aufgestellten Managementsystem – müsse heute auch Chefsache sein. Die offiziellen Vorgaben erleichterten dies.
 

Wertschöpfungskette abbilden

Und natürlich sollten wie bei Siemens alle Verbesserungen sowohl im eigenen Unternehmen als auch bei den Kunden wirken. „Wir wollen eine durchgängige ressourcen- und energieschonende Kette“, sagt auch Wolfgang Reitzle, Chef der Linde AG. Eine solche Kette beginne bei Lieferanten, die ökologische und soziale Anforderungen erfüllen müssten – und ende erst beim Kunden. Auch bei BMW trifft der Vorstand höchstpersönlich Projektentscheidungen anhand von Nachhaltigkeitskriterien wie Ressourcenverbrauch, Emissionen, soziale und gesellschaftspolitische Auswirkungen. Der Fahrzeughersteller hat eigens hierfür Kernindikatoren erarbeitet, sogenannte „Key Performance Indicators“ (KPIs). Mit ihnen werden Nachhaltigkeitsleistungen gemessen, verglichen und gesteuert – auch über die Unternehmensgrenzen hinaus. BMW verwendet KPIs mittlerweile in der gesamten Wertschöpfungskette, also auch bei Lieferanten, Kooperationspartnern und Händlern.

Die Deutsche Energie-Agentur (dena) begrüßt derartige Praktiken, doch leider seien diese bei viel zu wenigen Unternehmen auszumachen. Bei Konzernen noch eher, bei kleinen und mittelständischen Betrieben hingegen bestehe ein großer Nachholbedarf. Die wirtschaftlich rentablen Energiesparpotenziale in Gewerbe und Industrie liegen im Schnitt bei einer Größenordnung von 20 Prozent – sie würden aber vielfach nicht genutzt, mahnt auch die KfW-Bankengruppe. „Nur rund 20 Prozent der deutschen Unternehmen aus Industrie und produzierendem Gewerbe steigern bislang gezielt und kontinuierlich ihre Energieeffizienz“, klagt auch dena-Geschäftsführer Stephan Kohler. Und dies, obwohl eine Umfrage seiner Agentur zeige, dass mehr als 60 Prozent der hiesigen Unternehmer in den kommenden Jahren „mit langsam aber kontinuierlich steigenden Energiepreisen“ rechnen.

Um hier gegenzusteuern, wurde von der dena die Initiative „EnergieEffizienz“ gestartet, gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie. Firmen sollen lernen, wie sich mit Hilfe eines professionellen Energiemanagements der Energieverbrauch, die Kosten und CO2-Emissionen wesentlich drücken lassen – und die Wettbewerbsfähigkeit dadurch steigt. Dabei wird alles nach Einsparpotenzialen durchleuchtet, vom Energieeinkauf bis hin zum Verbrauch.

Eine Absenkung des Primärenergieverbrauchs um gut ein Drittel sei heute auch für KMU relativ leicht, betont Frank-Michael Baumann, Geschäftsführer der EnergieAgentur NRW in Düsseldorf – etwa durch Wärmerückgewinnung. Dies sei nur nach wie vor zu wenig bekannt. Fehlende Sachkenntnisse verhindern so Energieeffizienzmaßnahmen – viele Unternehmer trauen solche Maßnahmen in Umfragen gerade mal ein Sparpotenzial von vier Prozent zu. Die notwendigen Investitionen hingegen würden überschätzt, mahnt Baumann, denn: „Neben Kosten- und Energieeinsparungen sind auch hohe Kapitalrenditen erzielbar.“ Wie auf eine umweltfreundliche Art der Energiegewinnung sogar 40 Prozent des benötigten Strombedarfs gedeckt werden kann, zeigt Airport-Chef Raoul Hille. Das Versorgungskernstück des Flughafens in Hannover sind zwei Blockheizkraftwerke. Sie liefern unter anderem die Energie für die Klimaregelung in den Terminals.
 

Autor: Gerd Zimmermann



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